Hans-Joachim Marseille




Hans-Joachim Marseille wurde am 13. Dezember 1919 in Berlin geboren. Sein Vater war im ersten Weltkrieg Jagdflieger gewesen und so vererbte sich die Flugbegeisterung auf den Sohn. Kaum hatte Jochen, wie ihn seine Freunde nannten, die Schule verlassen trat er in die Luftwaffe ein und begann im November mit der fliegerischen Ausbildung. Marseille war ein sehr guter Pilot, konnte sich jedoch nicht an die disziplinarischen Regeln des Militärs halten und so war es keine Seltenheit, dass er für Kunstflugeinlagen oder Tiefflug zurechtgewiesen wurde.

Erste Erfolge und Rückschläge am Kanal

An die Front kam Hans-Joachim Marseille im August 1940, genauer in die 4. Staffel des Jagdgeschwaders 52, das am Kanal lag. Sein Staffelkapitän war Johannes Steinhoff.
Oberfähnrich Marseille gelang schon beim dritten Feindflug der erste Luftsieg über eine englische "Spitfire". Bis Anfang 1941 konnte Marseille insgesamt 7 Abschüsse erzielen, wurde jedoch selbst viermal vom Himmel geholt. Jedes Mal konnte er aber seine Messerschmitt an der französischen Küste notlanden.

Afrika!

Nachdem er Anfang August das JG 52 verlassen hatte kommandierte man ihn zur 1. Gruppe des Jagdgeschwaders 27 ab, die im April nach Nordafrika verlegte.
Bereits einen Tag nach der Verlegung stieg die 3. Staffel, der Marseille angehörte zum ersten Feindflug auf, auf dem Marseille den ersten Luftsieg der Staffel, eine "Hurricane", erringen konnte. Beim gleichen Feindflug wurde Marseilles Maschine jedoch von einer zweiten "Hurricane" durchsiebt und zur Bruchlandung gezwungen. Marseille überstand diesen Abschuss unbeschadet, seine Messerschmitt hatte allerdings mehr als 30 zusätzliche Löcher im Rumpf.

Bei einem weiteren Einsatz seiner Staffel entdeckte Marseille einen einzelnen englischen Bomber, löste sich aus dem Verband, schoss ihn ab und kehrte dann wieder in den Verband zurück.
Marseille kannte auch hier keinerlei "Dienstweg", der darin bestanden hätte den Gegner zu melden und auf Anweisungen des Staffelführers zu warten.
Der Kommandeur der Gruppe, Eduard Naumann, nahm sich des heißblütigen Piloten an, um ihm die Grenzen aufzuzeigen, jedoch ohne ihn zu entmutigen.

Nach seinem 13. Abschuss wurde Marseille zum Leutnant befördert und bekam damit das Privileg sich einen Burschen nehmen zu dürfen. Er suchte sich Mathias, einen Neger, aus und es entwickelte sich eine gute freundschaftliche Beziehung zwischen den beiden.

Der Stern von Afrika beginnt zu leuchten

Am 22. November 1941 gelangen Marseille zum ersten mal mehrere Luftsiege bei einem einzigen Feindflug. Die 3. Staffel traf auf 16 englische "Hurricanes", die, als sie die deutschen erkannten, einen Abwehrkreis bildeten, durch den sie sich gegenseitig decken konnten. Der deutsche Verband zögerte jedoch mit dem Angriff und so belauerte man sich eine Weile. Plötzlich jedoch brach Marseilles aus der Formation aus und stieg mit geschlossenen Augen in die Sonne, drehte blitzschnell um und stürzte dann, die Sonne jetzt im Rücken, auf den Abwehrkreis herunter. Mit den ersten Feuerstößen schickte er eine der "Hurricanes" zu Boden, beim gleichen Anflug folgte noch eine weitere. Marseille wendete und stieg erneut der Sonne entgegen, während seine Staffel noch immer nicht angriff. Während er dann das zweite Mal aus der Sonne herabstieß löste sich die englische Formation und die restlichen 14 "Hurricanes" schwenkten auf Marseille ein. Wieder fiel eine der britischen Maschinen den Waffen Marseilles zum Opfer. Jetzt griff auch der Rest der deutschen Staffel an und es entspann sich ein wilder Luftkampf, in dessen Verlauf Marseille erneut zwei Gegner abschoss, seine Staffel besiegte ebenfalls drei Gegner. Die sechs übriggebliebenen "Hurricanes" geben Fersengeld und auch die 3. Staffel kehrte ohne Verluste zu ihrem Einsatzflugplatz zurück.

Am 2. Dezember verlieh Feldmarschall Kesselring Marseille das Deutsche Kreuz in Gold, anlässlich seines 33. Luftsieges.

Der Weg zum Ritterkreuz

Kometenhaft schnell stiegen von nun an seine Abschusszahlen. Bereits zwei Wochen später hatte er 44 Luftsiege auf seinem Leitwerk aufgemalt.
Marseille war, wenn er in der Luft war eine absolut präzise Kampfmaschine. Er verfügte über hervorragendes Sehvermögen, perfektes räumliches Denken und eine absolut tödliche Treffsicherheit. Dazu kam seine Furchtlosigkeit und seine Angriffsfreude.

Seine Treffgenauigkeit sorgte für einen unglaublich geringen Munitionsverbrauch, so dass er im Durchschnitt nur 15 Schuss Munition brauchte um einen Luftsieg zu erringen. Dazu kam, dass Marseilles Abschüsse sehr schnell hintereinander erfolgten, was seinem Rottenflieger, Rainer Pöttgen, das Mitschreiben erschwerte. Staffelintern trug der bereits den Namen "Rechenmaschine".
Am 22. Februar bekam Marseille dann anlässlich seines 50. Luftsieges das Ritterkreuz, im April wurde er Oberleutnant und Kapitän der dritten Staffel.

Ordensflut für den "jungen Adler"

Immer heller leuchtete der "Wüstenstern", wie man Marseille längst nannte. Am 3. Juni 1942 gelangen ihm 6 Abschüsse innerhalb von nur elf Minuten! Drei Tage später erhielt er für seinen 75. Abschuss das Eichenlaub. Den 100. Abschuss hatte er am 17. Juni erzielt. Daraufhin beförderte man den "Adler der Wüste" zum jüngsten Hauptmann der Wehrmacht und zeichnete ihn mit den Schwertern zum Ritterkreuz aus. Auf dem anschließenden Heimaturlaub verlobte sich Marseille und plante die Hochzeit für Weihnachten.

Der "Urlaub" war aber viel mehr eine Art Propagandatour durch das Reich. Da Marseille längst zum Idol der Jugend geworden war, was Göbbels natürlich bereitwillig förderte. In ganz Deutschland wurde der "Stern von Afrika" gefeiert. Auch auf der Fahrt zurück nach Afrika musste Marseille noch weitere Stationen in Italien machen. In Rom verlieh man ihm die italienische Tapferkeitsmedaille in Gold, nur zwei weitere Deutsche bekamen diese Auszeichnung im 2. Weltkrieg und selbst Rommel erhielt die Medaille nur in Silber!

Innerhalb des Afrikakorps gab es vier Anreden für Marseille. Seine Freunde nannten ihn Jochen, offiziell nannten ihn seine Staffelkameraden "Chef", im Funkverkehr trug er das Rufzeichen "Elbe 1" und Rommel nannte ihn, weil ihm der Name Marseille zu französisch klang, nur "Seille".

Die letzten Erfolge

Am ersten Einsatztag nach seiner Rückkehr erzielte Marseille wieder 10 Abschüsse. Am 1. September besiegte Marseille in vier Einsätzen insgesamt 17 Gegner! Tags darauf wurden ihm die Brillanten zum Ritterkreuz verliehen.

"...unbesiegt vom Gegner..."

Am 30. September stieg Marseille in seine berühmte "Bf 109" mit der "Gelben 14" an der Seite um einen englischen Verband anzugreifen. Ohne Feindberührung zu haben kehrte die Staffel um und flog wieder zum Einsatzhorst zurück. Gegen 11.20 Uhr trat plötzlich Qualm aus Marseilles Motor. Über Funk gab Marseille durch, dass er Rauch in der Kabine hätte und er kaum atmen könne. Rainer Pöttgen, sein Rottenflieger, gab Marseille daraufhin Steueranweisungen, nach denen die "Gelbe 14" die eigenen Linien erreichte. Da ihm eine Notlandung ohne Sicht zu gefährlich erschien, entschied sich Jochen Marseille seine Maschine mit dem Fallschirm zu verlassen. Wie es im Handbuch stand drehte er seine "109" auf den Rücken und lies sich aus dem Sitz fallen. Bevor Marseille jedoch vom Seitenleitwerk freikam, sackte die Maschine leicht ab und Marseille schlug gegen das Leitwerk. Der Fallschirm öffnete sich nicht mehr. Hans-Joachim Marseille schlug um 11.26 Uhr, einige Kilometer südlich von Sidi el Aman auf den Wüstenboden auf und war sofort Tod.


Vom Gegner unbesiegt fand der 22 jährige Sieger über 158 englische Flugzeuge seine letzte Ruhestätte auf dem Kriegerfriedhof in Derna.
Zu seiner Beerdigung kamen hunderte deutscher und italienischer Soldaten angereist, um dem "Stern von Afrika" die letzte Ehre zu erweisen.
Mathias, der Bursche und Freund Marseilles, legte eine Kette mit 158 Muscheln - für jeden Abschuss eine - auf den Sarg,
die Italiener errichteten eine Steinpyramide über seiner Grabstelle, auf deren Bronzetafel stand:


"Hier ruht unbesiegt Hauptmann Hans-Joachim Marseille"

Dieser Gedenkstein steht auf dem Friedhof der Schöneberger Dorfkirche in Berlin

Adolf Galland bezeichnete Hans-Joachim Marseille als einen "unerreichten Virtuosen unter den Jagdfliegern"