Ich freue mich, den ehemaligen Flugschüler des JG 104, Josef Beer, kennengelernt zu haben. Er war 1944 Jagdschüler bei der 3./JG 104, die auf dem Fliegerhorst Fürth-Atzenhof stationiert war. Aus seiner Ausbildungszeit, die er nicht mehr beendete - er wurde schließlich an die Ostfront geschickt und dort verwundet - stammen die folgenden Anekdoten.
Eigentlich wurde in Fürth nicht geschossen. Es befand sich nur ein kleiner Schießstand auf dem
Gelände, der für Übungsbeschuss mit Exerziermunition freigegeben war, die eigentliche
Schießausbildung des JG 104 fand auf den Plätzen Roth und Buchschwabach statt. Wie gesagt, mit
nicht scharfer Exerziermunition aber auch in Fürth.
Bei einem solchen "Einsatz" kam es zu einer folgenreichen Verwechslung. Einer der jungen Jagdschüler
war sehr aufgeregt an den Start gegangen. Er hob ab, flog eine Schleife und begann seinen Anflug
auf den Schießstand. Über der Fürther Billinganlage, einem markanten Verkehrsknotenpunkt, kreiste
er ein und nahm Kurs auf den etwa zwei Kilometer entfernten Flugplatz. Als er sein Ziel - den
Schießstand erkannte feuerte er seine Waffen ab.
Was der junge Pilot jedoch nicht wissen konnte war, dass der Waffenwart - warum auch immer - keine
Exerziermunition, sondern scharfe Munition geladen hatte.
Der Flugschüler erkannte aber, dass er sein Ziel nicht getroffen hatte, also zog er hoch, flog
erneut zur Billinganlage, kreiste wieder ein und griff noch einmal an. Auch dieser Angriff ging
gründlich daneben. Anstelle seiner Zielscheibe traf er eine der Flugzeughallen, die durch die
scharfe Munition beschädigt wurde. Verwundete oder gar Tote hatte es zum Glück nicht gegeben.
Erst jetzt kam der Befehl zur sofortigen Landung. Der Jagdschüler kam gar nicht mehr dazu "normal"
auszusteigen, stattdessen wurde er regelrecht aus seinem Cockpit gezogen. Es sollte sein letzter
Flug gewesen sein, seine Jagdfliegerausbildung war vorbei.
Feldwebel Janker war einer der besonders strengen Jagdlehrer beim JG 104. Er kannte keine
Samthandschuhe und hielt nicht viel von "Auge zu drücken". Bei den kleinsten Fehlern, die
seine Flugschüler machten, folgten Flugplatzrunden oder ähnliche Maßnahmen. Da man meistens
einen Sitzfallschirm trug, wurden solche Runden im Laufschritt sehr beschwerlich, wie sich
jedermann unschwer vorstellen kann. Kurz gesagt, Feldwebel Janker rangierte auf der Beliebtheitsskala
seiner Flugschüler nicht gerade in den oberen Regionen.
Schließlich wurde der Plan geboren, sich für die Schikanen zu revanchieren. Es war bekannt,
dass der Jagdlehrer gerne ausgiebige Kasino-Besuche machte. In einer dunklen Nacht lauerten
dann einige Jagdschüler dem Feldwebel, der leicht angetrunken Richtung Unterkunft wollte, auf.
Josef Beer, stand "Schmiere", während die anderen, die später tödlich verunglückten Gerhard
Willms und Edwin Vögele, den Feldwebel kräftig vermöbelten.
Die Angreifer hatten sich die Gesichter unkenntlich gemacht und tatsächlich konnte sie der Feldwebel
nicht identifizieren. Dennoch kam heraus, wer die Schläger waren. Wie? Ganz einfach. Zwar waren
sie gut getarnt, sie hatten jedoch vergessen ihr Flugzeugführerabzeichen abzunehmen oder zu tarnen.
Diese reflektierten das Mondlicht und fielen dem Opfer auf. Damit stand fest, dass es sich nur
um Jagdschüler handeln konnte. Eindeutig als Schläger wurde schließlich Gerhard Willms ausgemacht.
Den anderen konnte nicht nachgewiesen werden zugeschlagen zu haben.
Es stand ein Rapport bei Staffelkapitän Bendert an. Der zeigte sich nachsichtig mit den jungen
Schülern und ließ sie ihre Ausbildung fortsetzen. Für Gerhard Willms hatte es aber doch Konsequenzen.
Er wurde degradiert und erhielt ein "Verbot der Startverpflegung auf Lebenszeit". Bei der Erinnerung
an diese "drakonische Strafe" für das Verprügeln eines Vorgesetzten - heute würde man dies als
"Code Red" bezeichnen - muss Josef Beer heute noch lachen.
Sie durften weiter fliegen, das war für die drei das wichtigste.
Gerhard Willms war bei seinen Kameraden sehr beliebt. Ihn drückte ständig der Schalk im Nacken.
Dies sahen die Vorgesetzten zwar anders, doch Willms kannte - bis auf den Vorfall mit dem
Jagdlehrer Janker - die Grenzen sehr genau und verstand sich darin sich in den Grauzonen zu
bewegen.
Willms verstand sich auch auf dem Gebiet der Frauen. Ende 1944 hatte er eine neue Freundin. Mit ihr
schien es etwas ernstes zu werden. Es muss echte Liebe gewesen sein, wie sich später herausstellen
sollte.
Es war kurz vor Weihnachten. Willms war für die Weihnachtsfeiertage mit seiner Freundin Friedl
verabredet. Vorher war allerdings noch Ausbildung angesagt. Mit seinem Freund Edwin Vögele übte
er westlich von Fürth für spätere Luftkämpfe. Ob Leichtsinn oder ähnliches, auf jeden Fall
berührten sich die beiden Bf 109 G-6 (WNr. 463188 und 460505) in der Luft. Beide Maschinen
stürzten aus etwa 3000 Metern Höhe bei Rossendorf ab. Keiner der beiden Piloten überlebte.
Wie verabredet kam Willms Freundin Friedl zum Tor des Fürther Flugplatzes, um ihren Gerhard
abzuholen. Sie wartete noch lange nach der verabredeten Zeit auf ihn. Schließlich machte das
Gerücht von einem Absturz die Runde, doch es sollte noch einige quälende Zeit dauern, ehe
Friedl wusste, dass es sich um ihren Gerhard handelte, der verunglückt war.
Gerhard Willms fand seine letzte Ruhe auf einem Nürnberger Friedhof. Bis heute kümmert
sich Friedl um das Grab.
Auch wenn der Flughafen Fürth in den Zwanzigern als einer der größten Flugplätze Deutschlands galt,
so war er doch Mitte der Vierziger Jahre nicht mehr für alle Flugzeugtypen ausreichend.
Dies musste die Besatzung einer Junkers Ju 388 im Februar 1945 feststellen.
Ihr Bomber hatte einen gravierenden technischen Defekt und so entschied sich der Pilot zu einer
Landung auf dem Fürther Flugplatz. Beim Anflug ging noch alles glatt, als das schwere Kampfflugzeug
schließlich ausgerollt war, erkannte der Pilot schon, dass es beim Start eventuell knapp werden
würde.
Über Nacht wurde der "besondere Gast" mit der großen, markanten Plexiglaskanzel in der Werft
repariert, schließlich am nächsten Morgen betankt und startklar gemacht. Der "Kutscher" bereitete
sich angespannt auf den Start vor. Wie am besten machen? Er erkannte den schmalen trichterförmigen
Wegverlauf vom Rollfeld zum Einfahrtstor und entschloss sich dazu die paar wenigen zusätzlichen
Meter für seinen Startversuch zu nutzen.
Die Besatzung stieg ein, die Motoren wurden angelassen und die Ju 388 setzte sich langsam in
Bewegung. Noch etwas kam dem Piloten entgegen: Es war kalt. Kalte Luft ist dichter als warme Luft,
was sich wiederum günstig für den Auftrieb eines Flugzeuges auswirkt.
Der 2-mot rollte zunächst behäbig auf das Tor zu, drehte sich in Startrichtung, dann brüllten die
beiden BMW 801 TJ Motoren mit ihren jeweils 1615 PS auf. Immer schneller werdend rumpelte die
Junkers über das Flugfeld. Erst kurz vor Erreichen der Platzgrenze nahm der Flugzeugführer das
Flugzeug vom Boden und flog ganz knapp über das Tanklager hinweg. Diese paar Meter mehr, die
er durch das Ausnutzen der Zufahrt zum Vorfeld zusätzlich hatte, und die Gunst der Kälte hatten
es der Besatzung ermöglicht wieder heil zu starten.