Der Weltrekord

Die Deutsche Luftfahrtindustrie hatte sich das ehrgeizige Ziel gesteckt möglichst alle Weltrekorde, die es in der Luftfahrt gab, nach Deutschland zu holen.
So wollte man mit der Bf 109 den Rekord für das schnellste Landflugzeug der Welt auf der 3-km-Strecke verbessern. Diesen hatte der amerikanische Multi-Millionär und Flugzeugenthusiast Howard Hughes am 19.01.1937, mit seiner selbst entwickelten "H-1" errungen und die Marke auf 567,115 km/h gelegt.
Da der Internationale Flugsportverband F.A.I. den Rekord nur dann anerkannte, wenn er den vorherigen Rekord um 8 km/h übertroffen hatte, musste man also mindestens 575,115 km/h erreichen.

Das Flugzeug

Für diesen Versuch wählte man die Messerschmitt Bf 109 V-13 aus. Diese war am 29.07.1937 vom Flugmeeting in Zürich zurück nach Augsburg gekommen und gelangte dort gleich in die Abteilung "Versuchsbau", wo sie auf das Vorhaben vorbereitet wurde.

Die Bf 109 V-13, fit für den Rekordversuch

Die V-13 behielt weitestgehend ihren Seriencharakter, wurde also "nur" optimiert, nicht grundlegend umgebaut. Sie erhielt eine strömungsgünstigere Kabinenhaube, eine geschlossene Propellerhaube und auch die Öl- und Wasserkühler wurden widerstandsärmer ausgelegt. Unter der geglätteten Motorhaube befand sich nun der Daimler-Benz DB 601 Rennmotor III, der eine Leistung von 1660 PS erreichte. Zu guter letzt wurden alle Öffnungen in der Außenhaut abgeklebt, gespachtelt und auf Hochglanz poliert. Dann erhielt das Flugzeug noch den, für Messerschmitt typischen, hellgrauen Versuchsanstrich und das Hoheitszeichen am Leitwerk.

Schnittig und spiegelglatt - Voraussetzungen für Höchstgeschwindigkeiten

Voraussetzungen

Zu fliegen war eine Strecke von 3000 Metern Länge, in einer Höhe von maximal 75 Metern. Die Strecke musste schnurgerade sein und insgesamt viermal durchflogen werden (zweimal hin und zweimal zurück). Nach jedem Durchflug musste eine sehr weite Wendekurve geflogen werden, denn es war nicht gestattet das Flugzeug in der Kurve hochzuziehen, denn so hätte man beim erneuten Andrücken, also im Sinkflug, Geschwindigkeit "erschummeln" können.
Weiterhin war eine extrem genaue Zeitmessung mittels "photographischer Zeitnehmerapperate" vorgeschrieben. Zu diesem Zweck verwendete man die Zielkameras, die schon während den Olympischen Spielen 1936 zur Zeitmessung benutzt wurden.

Letzte Planungen

Als "Austragungsort" wählte man ein Stück schnurgerader Bahnstrecke in der Nähe von Bobingen bei Augsburg. Messerschmitt-Pilot Dipl.-Ing. Dr. Hermann Wurster plante die Strecke in einer Höhe von etwa 35 Metern zu fliegen, da der Rennmotor seine größte Leistung in Bodennähe entwickelte.
Natürlich waren noch einige Bedingungen für den optimalen Ablauf des Rekordversuches zu erfüllen: Von technischer Sicht her war es wichtig das Flugzeug gut eingeflogen zu haben, damit man es - bei den hohen Geschwindigkeiten - mit kleinen, präzisen Steuerausschlägen fliegen konnte. Natürlich waren auch die richtige Trimmung und die beste Einstellung für die Verstellluftschraube zu ermitteln.
Dann brauchte man nur noch eine gute Sicht, günstigen Sonnenstand und möglichst Windstille, dann konnte man loslegen.

Der große Tag

Am 11.11.1937 schienen die Voraussetzungen erfüllt und Dr. Wurster stieg in eine Bf 108, um die Strecke abzufliegen. Zwar war der Einfallwinkel der Sonne nicht optimal, dennoch entschied er sich zum Rekordversuch. Die offiziellen Zeugen starteten ebenfalls mit drei Bf 108 und nahmen ihre Positionen an der Strecke ein.
Dr. Wurster startete um 14:09 in Augsburg und ging auf Anflugkurs. Für jeden der vier Durchflüge brauchte er etwa 17 Sekunden, dann schlossen sich die lang gezogenen Kurven an. Einmal geriet er beim Wenden sogar in eine Regenböe, dennoch gelang es.

Als er um 14:31 Uhr landete hatte er einen neuen Geschwindigkeitsrekord für Landflugzeuge aufgestellt:

Mit 610,950 km/h hatte er den US-Amerikaner um 44,83 km/h überboten.

Nach dem Rekord

Man hatte den Weltrekord geholt und damit das Ansehen der deutschen Luftfahrtindustrie - nach dem erfolgreichen Flugmeeting in Zürich - nochmals aufgebessert. Dennoch wollte man nicht zuviel über dieses Jagdflugzeug bekannt werden lassen und mögliche Gegner über die Leistungen täuschen. Folglich wurden zwei Angaben in der offiziellen Rekord-Liste der F.A.I. und der Urkunde bewusst falsch eingetragen.
Als Flugzeugtyp findet sich dort die Bezeichnung "Bf 109 R", was den Anschein erwecken sollte, es handele sich wirklich um ein normales Serienflugzeug und nicht um eine Rekordversion.
Auch beim Motor wurde etwas geschummelt, denn laut F.A.I-Liste hatte die "Bf 109 R" einen "normalen" Daimler-Benz DB 600 mit 950 PS.

Man hatte also das Ziel erreicht, zufrieden war man jedoch noch nicht. Daher unternahm Dr. Wurster mit der V-13 noch acht weitere Versuche, den Rekord nochmals zu steigern (11.12.1937-19.02.1938), es gelang jedoch keine weitere Verbesserung und so blieb der Rekord bis 1939 bestehen, ehe er von der Me 209 V-1 gebrochen wurde.

Die F.A.I. Rekord-Urkunde mit den falschen Eintragungen