Wie so manchen hat mich der Selbstmord Robert Enkes doch ziemlich betroffen gemacht. Nach zwei Abenden, die ich darüber nachgedacht habe, habe ich doch einige Parallelen - wenn auch nicht in dem Maße, wie das bei Enke gewesen sein musste - zu einer Zeit in meinem Leben festgestellt.
Auch ich hatte eine Phase, in der ich - ja, vielleicht nicht wirklich an krankhafter - Depression litt, so aber doch eigentlich permanent am Boden, antriebslos und nur noch funktionierend war. Angemerkt - und das ist die große Parallele zu Enke - dürfte mir das kaum einer haben. Viele Fragen sich jetzt auch “Warum hat niemand den wirklichen Zustand Enkes bemerkt?” Die Antwort ist einfach: Er wollte das nicht.
Mit der Zeit entwickelt man seine Schutzmechanismen, gleich einer Mauer, die man um sich herum aufbaut. Eine Maske, ein Panzer. In meinem Fall war es so, dass ich trotz latenter Depression (wie gesagt, keine Ahnung ob das in meinem Fall schon als Krankheit gelten konnte) jeden Tag pünktlich in die Arbeit gegangen bin, dort nicht nur meine Pflicht getan habe, sondern das auch noch kontaktfreudig, umgänglich, lachend und scherzend tat. An den Wochenenden stand dann stets das Highlight auf dem Programm, die Spiele meiner SpVgg, die mir Flucht von daheim, wie Kraftquelle gleichermaßen waren. Scheinbar wie bei Robert Enke, nur auf der anderen Seite des Stadionzaunes.
Keiner der vielen Freunde und Bekannten dürfte damals auch nur im Ansatz gemerkt haben, dass ich mich an den Abenden, wenn ich alleine war, mit ganz anderen Dingen beschäftigt hatte. Beileibe nicht der lustige, lockere, starke Kerl war, als der ich mich versucht hatte auszugeben. An jenen Abenden war ich der einsamste Mensch auf dieser Erde mit dem schwersten Leben der Welt - auch wenn mein Leben im Vergleich zu anderen wohl noch als luxuriös zu bezeichnen war und auch meine Probleme anderen wie ein Witz vorgekommen wären.
In dieser Zeit habe ich mich auch mit dem Thema auseinander gesetzt, wie es wäre einen Strich zu ziehen. Doch am Ende kam es - in der Rückschau - zum Glück nicht dazu. Ich hatte einige wenige echte Freunde, die mir in dieser Zeit beistanden. Ich traf zudem in dieser Zeit auch noch zwei Personen, die meine “Mauer” im Handstreich genommen hatten und so zu besten Vertrauten wurden, die mir Kraft gegeben haben und mir geholfen haben, aus dieser Phase keinen Dauerzustand werden zu lassen. Doch es gehörte wohl auch eine Portion Glück dazu, dass ich noch immer einen Silberstreifen am Horizont sehen konnte.
Und hier hören die Parallelen zum Schicksal des Keepers spätestens auf. Offenbar war er nicht in der Lage sich wirklich helfen zu lassen. Vielleicht war es auch nur Glück, ich weiß es nicht. In jedem Fall kann ich ein Stück weit mitfühlen, in welcher Lage Enke gesteckt haben muss. Und das ist auch der Grund, warum mich sein Schicksal in diesem Maße berührt, wie es das tut. Robert Enke ist quasi ein Vergrößerungsspiegel, der mir meine - bis heute nicht ganz verheilten - Wunden (sonst würde es mir schließlich nichts mehr ausmachen, daran zurück zu denken) wieder vor Augen führt.
An dieser Stelle möchte ich meinen Freunden danken, dass sie mir geholfen haben, aus dieser Nummer heraus zu kommen.